Volksbühnen-Kritik

Erfolgreicher Start in eine anspruchsvolle Spielzeit

Ein Bericht von Kristof Warda

Lange vor den ersten Proben, nämlich zur traditionellen Schauspiel- und Ballett-Revue im April, haben wir schon die ersten Szenen aus den Theaterstücken der aktuellen Spielzeit sehen können. Die große Volksbühnengala Anfang September – jetzt liefen die Proben bereits – gab uns einen Vorgeschmack auf die Opernsaison. Keinen Vorgeschmack gab es auf das Theater im Werftpark im Jahr 1 nach Aust. Verständlich. Und mit umso größerer Spannung erwarteten wir den Spielzeitbeginn im Jungen Theater in Gaarden mit seiner neuen Leiterin Astrid Großgasteiger und ihrem Team.

Nun sind die ersten Premieren gelaufen, und der „nicht unmutige“ (Daniel Karasek im Spielzeitheft) Spielplan, den sich das Kieler Theater um den Generalintendanten erdacht hat, konkretisiert sich zusehends zu einer aufregenden, anspruchsvollen und abwechslungsreichen Spielzeit auf hohem Niveau.Foto: Olaf Struck

„Nicht unmutig“ zum Beispiel, sich an Giacomo Meyerbeers „Die Hugenotten“ heranzuwagen. Die gut drei Stunden lange Erfolgsoper des 19. Jahrhunderts gilt nämlich als echte Herausforderung für Sänger und Orchester und wird auch deswegen heute recht selten aufgeführt. „Wer wagt, gewinnt“ mag sich das Opernteam gedacht haben. Der große Applaus nach der Premiere am 24. September 2016 (musikalische Leitung Daniel Carlberg, Regie Lukas Hemleb) gab ihnen jedenfalls recht.

Dann, am 2. Oktober 2016, landete mit „ordentlich Geschepper“ (Ruth Bender in der KN) ein alter Bekannter die Bühne des Werftparktheaters: Lasse Wagner, den wir kaum drei Wochen vorher noch mit Horst Stenzel Susanne Lubers „Seemanns Braut ist die See“ vortragend auf der Kieler Hansekogge erleben durften. Er ist nun Teil des Ensembles im Jungen Theater und überzeugt sogleich als rappender „Karlsson vom Dach“ in der gelungenen, wunderbar kindischen Antrittsinszenierung der neuen Leiterin.

Weiter ging es Schlag auf Schlag. Zuerst im Schauspielhaus: Hier eröffnete am 7. Oktober William Shakespeares skurriles „Wintermärchen“ (Regie Daniel Karasek) die Saison. Immanuel Humm als König Leontes zeigt überzeugend, wie viel Schaden die Kombination aus krankhafter, paranoider Eifersucht und absoluter Macht anrichten kann. Aber auch, wie später Reue und Gram einen auszehren können, ohne dass man zwingend daraus lernen muss. Dass am Ende doch alle heiraten und glücklich sind, grenzt an ein Wunder.

Am 9. Oktober 2016 wehte dann ein Hauch Mailänder Scala durch das Kieler Opernhaus: Der junge italienische Regisseur Fabio Ceresa hat mit seinem Team eine große, erhabene Inszenierung von Giuseppe Verdis „Rigoletto“ geschaffen. Verdis bestechende Musik einer der erfolgreichsten Opern der Geschichte wird vom Kieler Orchester und von den Sängern (großartig: Amartuvshin Enkhbat als Rigoletto und Hye Jung Lee als seine Tochter Gilda) bravourös interpretiert (musikalische Leitung Georg Fritzsch).

Die Spielzeit ist noch jung und – „nicht unmutig“ – hat sich das Theater noch sehr viel vorgenommen: Mit dem Ballett „Coppélia“, den Opern „Die Reise nach Reims“ und „Siegfried“ im nächsten Jahr oder Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ und Dea Lohers „Unschuld“ im Schauspielhaus, der Bearbeitung von Homers „Odyssee“ im Theater im Werftpark und den Produktionen im Studio liegen noch einige Theaterschmankerl und harte Brocken vor uns, die den hohen Anspruch des Spielplans dokumentieren. Wir können zuversichtlich sein, dass er sich auch erfüllt: Die ersten Neuinszenierungen der Spielzeit waren bereits höchst sehenswert. So kann es gern weitergehen.