Ehrenmitglieder

 

Zu Ehrenmitgliedern können Persönlichkeiten berufen werden, die das kulturelle Leben in Kiel und Schleswig-Holstein mitgestaltet haben und in einer besonderen Verbindung zu dem Theater- und Konzertleben und der Volksbühne stehen. Ehrenmitglieder der Volksbühne Kiel sind:

 

  • Hans Söhnker, Schauspieler und Kieler, verstorben
  • Hans Jeske, Ehrenvorsitzender und langjähriger Vorsitzender der Volksbühne Kiel e. V., verstorben
  • Dr. Joachim Klaiber, langjähriger Intendant der Kieler Bühnen, verstorben
  • Karl-Heinz Zimmer, ehemaliger Bürgermeister und Kulturdezernent
  • Rosemarie Kilian, Kammerschauspielerin und Ehrenmitglied der Kieler Bühnen, verstorben
  • Peter Dannenberg, ehemaliger Generalintendant der Bühnen der Landeshauptstadt Kiel und Theaterautor, verstorben
  • Siegfried Kristen, Kammerschauspieler und Ehrenmitglied der Kieler Bühnen
  • Silke Reyer, ehemalige Stadtpräsidentin und ehemalige Vorsitzender des Vereins Theatermuseum, verstorben
  • Norbert Aust, ehemaliger Leiter des Werftparktheaters und Vorsitzender des Vereins Theatermuseum in Kiel

 

Neues Ehrenmitglied

Norbert Aust: Ein Felsbrock im Kieler Kulturleben

Volksbühne Kiel zeichnet den Theatermacher mit der Ehrenmitgliedschaft aus.

Foto: csm

Nach über 30 Jahren hat Norbert Aust „sein“ Theater im Werftpark in jüngere Hände übergeben. Astrid Großgasteiger, zuvor am Landestheater Salzburg, leitet seit Beginn der Spielzeit das renommierte Haus im Kieler Werftpark auf dem Ostufer.

Norbert Aust ist immer mittendrin in der Gesellschaft. Er hält sich da an sein großes Vorbild Bertolt Brecht. Man darf nicht nur im Elfenbeinturm sitzen und Kultur machen, man muss rausgehen und an der Gesellschaft teilhaben.

Aust wird weiter im kulturellen Leben präsent sein: Mit Lesungen, Kulturperformances, Stadtteilarbeit und vielem mehr … Seine neue Aufgabe ist der Vorsitz im Verein Theatermuseum Kiel. Dort gibt es viel zu tun.

Die Volksbühne Kiel hat Norbert Aust für sein außerordentliches Engagement in der Theater- und Bildungsarbeit mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet. Der Vorsitzende der Volksbühne Kiel e. V., Gerd Müller, hat dazu geschrieben:

„Lieber Norbert, die überaus kreative Kinder- und Jugendtheater-Szene ist in Kiel und der gesamten deutschen Kulturlandschaft eng mit Deinem Namen verbunden. Vor über 32 Jahren warst Du ein Pionier. Die Bedeutung eigener Theater für junge Leute hatte damals noch keinen so hohen Stellenwert. Heute sind die Kinder- und Jugendtheater mit ihrem Kultur- und Bildungsauftrag unumstritten anerkannt.

Foto: Olaf Struck

Als Theaterleiter, als Regisseur, als Schauspieler und als allseits beliebter und anerkannter Multiplikator für die Kunst hast Du Dein Theater im Werftpark durch alle Klippen gesteuert und fest für alle Generationen im Herzen Kiels verankert. Was für ein Glück für alle, ob Jung oder Alt! Ich bin sicher, dass wir noch viel von Dir hören werden. Das gilt jetzt vor allem für Deine neue Aufgabe als Vorsitzender des Vereins Kieler Theatermuseum.

Der Vorstand der Volksbühne Kiel e. V. hat einstimmig beschlossen, Dich wegen Deiner Verdienste um das Theater und die Jugendbildungsarbeit mit der Ehrenmitgliedschaft der Volksbühne Kiel e. V. auszuzeichnen. Das gilt auch für die Vorbild-funktion, die Du als Kulturschaffender über Jahrzehnte für unsere Stadt „gelebt“ hast. Das wird auch in Zukunft sicher weiter so bleiben.“

 Am 26. November 2016 fand eine Feierstunde zu Ehren von Norbert Aust in der Sozialkirche Gaarden statt.

 

Trauer um Peter Dannenberg

Die Volksbühne Kiel e. V. trauert um ihr Ehrenmitglied Peter Dannenberg. Der ehemalige Intendant der Kieler Bühnen ist am 10. März 2015 im Alter von 84 Jahren gestorben. Am 26. Januar 2016 hatte die Volksbühne Kiel Dannenberg in einer Feierstunde im Opernhaus als Ehrenmitglied ausgezeichnet. Dannenberg hat das künstlerische Niveau am Kieler Theater nachhaltig geprägt. Bis zuletzt war er in „seinem Theater“ präsent und dem Publikum ein kompetenter Gesprächspartner.

 

Die Kieler Volksbühne würdigt ihre Ehrenmitglieder

Applaus und Dank

Es ist eine schöne Pflicht, Persönlichkeiten, die sich um das Theater- und Kulturleben verdient gemacht habe, zu ehren. Die Volksbühne Kiel e. V. hat deshalb ihr „Instrument“ der Verleihung von Ehrenmitgliedschaften wieder „aktiviert“. Bereits vor einiger Zeit wurden Silke Reyer, Peter Dannenberg und Siegfried Kristen nominiert. Die öffentliche Feierstunde hatte bisher aus Krankheitsgründen und wegen des Todes von Silke Reyer, die als Stadtpräsidentin und Vorsitzende des Vereins Kieler Theatermuseum tätig war, nicht stattgefunden. Dies wurde am 26. Januar 2015 nachgeholt.

Musikalisch setzte Tenor Michael Müller aus dem Opernensemble, begleitet von Whitney Reader am Flügel, mit Musik von Benjamin Britten Akzente. Unter den Ehrengästen begrüßte der Vorsitzende der Volksbühne Kiel e. V., Gerd Müller, neben Peter Dannenberg und Siegfried Kristen die frühere Ministerpräsidentin Heide Simonis, den Kulturdezernenent Wolfgang Röttgers, den stellvertretenden Landtagspräsidenten Bernd Heinemann, den früheren Bürgermeister (und Ehrenmitglied) Karl-Heinz Zimmer, den Stadtpräsidenten Hans-Werner Tovar sowie Generalintendant Daniel Karasek.

Die Laudatio auf Peter Dannenberg hielt der Kulturwissenschaftler Dr. Rolf-Peter Carl.

Siegfried Kristen wurde vom Kulturjournalisten Manfred Gaspar gewürdigt.

 

Eine Würdigung von Dr. Rolf-Peter Carl

Peter Dannenberg

Gerd Müller gratuliert Peter Dannenberg. Rechts seine Frau Susanne.

Es entspricht zwar nicht gerade den Grundregeln der Rhetorik, das Resümee gleich vorwegzunehmen – ich will es aber heute doch einmal tun: Peter Dannenberg war für die Ehrenmitgliedschaft in der Kieler Volksbühne geradezu prädestiniert. Wie kein Zweiter kann er als Vorbild für jedes aktive oder potentielle Mitglied dienen. Denn was will die Volksbühnenbewegung von ihren Anfängen an? 1890 hatte sich in Berlin die erste Volksbühne gegründet, 1893 folgte Altona und dann bereits, als dritte, 1894 Kiel, die sich allerdings schon nach vier Jahren wegen zunehmender Pressionen des Polizeipräsidenten als Zensurbehörde wieder auflöste. Die spannungsreiche Geschichte der Kieler Volksbühne spiegelt – wie die des Kieler Theaters auch (Sie, lieber Herr Dannenberg, haben in Ihrer großen Chronik mehrfach darauf hingewiesen) – die Entwicklung dieser Bewegung in Deutschland durchaus typisch wider.

Die Volksbühne, als Teil der Arbeiterbildungsbewegung ursprünglich vor allem auf nicht vorgebildete und theaterferne Schichten ausgerichtet, will zum einen Grundlagen zum Verständnis von Theater vermitteln, Kenntnisse über die Geschichte dieser Institution – dafür steht der Chronist Dannenberg, der von den Gauklern und Primadonnen des Theaters in der Schuhmacherstraße bis zu den Helden und Chargen des Hauses am Kleinen Kiel unser Theater so kenntnisreich wie unterhaltsam geschildert hat. Die Volksbühne will – zweitens – an die Theaterliteratur, also an die Opern und Schauspiele heranführen, an die Texte, mehr aber noch an deren Darbietung in der jeweils aktuellen Inszenierung – da hat der Kritiker Dannenberg über viele Jahre hinweg souverän und pointiert Orientierung gegeben und Zugangswege geöffnet. Und schließlich will die Volksbühne natürlich zum Besuch des Theaters anregen und Hemmschwellen abbauen – und da war der Dramaturg und Intendant Dannenberg in Hamburg, Frankfurt und Kiel ihr idealer Partner, auch und gerade, wenn es um die Öffnung für Neues, Ungewohntes oder in Vergessenheit Geratenes ging.

Schon als Leiter der Opera stabile an der Hamburger Staatsoper und später als Kieler Generalintendant war es Ihnen ein Herzensanliegen, gegen das populistische Vorurteil von der Unverständlichkeit der neuen Musik und der modernen Oper zu Felde zu ziehen. Von Wolfgang Rihm über Aribert Reimann bis zu Isang Yun und Rolf Liebermann in Hamburg und von Hans Werner Henze bis zu Günter Bialas in Kiel haben Sie sich für Erst- und Wiederaufführungen eingesetzt und damit nicht nur Anerkennung bei der Fachkritik, sondern auch einen Publikumszuspruch gefunden, der Ihre These bestätigt, dass es nicht darauf ankommt, ob etwas unbekannt oder ungewohnt ist, sondern wie es gemacht ist und wie es vermittelt wird.

Dass zur Kieler Woche 1991 die deutsche Erstaufführung einer Oper aus Finnland – Vincent von Einojuhani Rautavaara – herausgebracht wird, dass die Kieler Inszenierung von Günter Bialas Heine-Oper Aus der Matratzengruft Furore bei den Maifestspielen Wiesbaden macht und den Landeskulturverband (und die HSH Nordbank) dazu bewegt, den Komponisten und das Kieler Theater 1992 mit dem Preis KulturAktuell auszuzeichnen, dass Kieler Opernfreunde die – leider zu kurze – Ära Dannenberg/Seibel mit dem Slogan feierte „Peter und Klaus – volles Haus“ – (Ihr Partner Klaus-Peter Seibel, Kieler Generalmusikdirektor von 1987 bis 1995, ist leider verstorben), das alles beweist, dass ein mutiger, ein profilierter Spielplan, verbunden mit einer klugen und vorausschauenden Ensemblepflege durchaus machbar ist und ankommt. Allerdings muss dahinter auch das Credo stehen, dem Sie immer gefolgt sind: es geht nicht darum, dem Publikum etwas zuzumuten, sondern zusammen mit dem Publikum etwas zu wagen – und das setzt Vermittlungstaktiken im Vorfeld voraus: Einführungsmatineen, Probenberichte, Diskussionen mit den beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, mit der Dramaturgie und der Leitung.

Zu zwei ‚Theaterberufen‘ – und damit zu zwei Facetten des Wirkens von Peter Dannenberg – sind vor einiger Zeit idealtypische Porträts erschienen, zum Opernintendanten und zum Theaterkritiker. Das eine verfasst von einem dem Theater verbundenen Journalisten [Willi Winkler im Gespräch mit Sir Peter Jonas], das andere von einem erst durch die eher possenhafte „Spiralblock-Affäre“ [Thomas Lawinky] allgemein bekannt gewordenen Mitglied der Kritikerzunft [Gerhard Stadelmeier]. In beiden Porträts finde ich charakteristische Züge von Ihnen wieder, aber auch Sätze, die auf Sie ganz und gar nicht passen wollen.

Die Frage, „warum ein Opernintendant ein absoluter Herrscher sein muss“, wird unter zwei Aspekten beantwortet, einmal mit Blick auf den Spielplan und das Profil des Hauses, zum anderen mit dem Fokus auf das Ensemble. „Selbst wenn partnerschaftliches Kunstwollen als Ideal behauptet wird, gibt es im Zweifelsfall immer den einen Kunstwillen, dem zuletzt alle zu folgen haben“. Das trifft auf die Ära Dannenberg zu, auch wenn ich es so nicht ausgedrückt hätte. Denn dem hier unterstellten Widerspruch zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit konnten Sie dadurch entgehen, dass Sie der zweiten Forderung des Artikelschreibers geradezu ideal entsprochen haben.

Sie lautet, der Intendant müsse ein “Menschenfänger“ sein, „der – trotz und gerade wegen seiner institutionalisierten Überlegenheit – andere zur Mitarbeit (gewinnt) und motiviert“, ein „Patriarch …, der all seine Mitarbeiter moderierend zu befeuern“ hat. Den Ensemblegeist, den so sensibel wie konsequent verfolgten Ensembleaufbau, die durch „Traumpartien“ und gewährten Freiraum (etwa für Gastspiele) bewirkte hohe Motivation (bei oft recht bescheidener Gage)  rühmen die Ehemaligen Ihrer Intendanz; Sie werden als „väterlicher Chef“ und das Haus als „veritable Theaterfamilie“, ja als „Paradies“ verklärt. Und dabei war die Handschrift des „einen Kunstwillens“, den der Patriarch bestimmte, ganz unverkennbar.

Im Spielplan der Oper setzten noch nie oder seit langem nicht mehr gespielte Werke die Akzente: Alexander Zemlinskys Es war einmal, Erich Wolfgang Korngolds Die tote Stadt, Max von Schillings‘ Mona Lisa, Günter Bialas‘ Aus der Matratzengruft, Hans Werner Henzes Der Prinz  von Homburg oder Hans-Jürgen von Boses Dream Palace. Aber auch auf der Sprechbühne, deren Programm von wechselnden Spartenleitern geprägt wurde, gab es viel Zeitgenössisches und Neues: Stücke von Rainer Werner Fassbinder, Klaus Pohl, Herbert Achternbusch, George Tabori oder Thomas Bernhard. Manche davon, z.B. Toni Kushners Engel in Amerika, wird dem einen oder anderen der Anwesenden gewiss noch in lebhafter Erinnerung sein.

Auch dem anderen Berufsporträt, dem des Kritikers, entnehme ich einige Züge, die auf Sie zutreffen. Ob die drei angeblich so typischen Berufsutensilien – der für die erwähnte Affäre prägende Spiralblock, der Kugelschreiber und die Hustenbonbons – auch zu Ihrem unentbehrlichen Rüstzeug gehört haben, will ich mal dahingestellt sein lassen. Aber als Kritiker waren Sie sich in der Tat stets bewusst, selbst Zuschauer zu sein, also zum Publikum zu gehören und für dieses, nicht für das Theater zu schreiben. „Der Kritiker“ – so schreibt der Autor in eigener Sache – „verdankt dem Theater alles (denn es war seine „erste Schule“, und „das meiste, was er kann, (hat er) vom Theater gelernt“). Er ist ihm (aber) zu nichts verpflichtet“. Das klingt beim ersten Hören unnötig spaltend, die Kluft zwischen Bühne und Zuschauerraum betonend, ist aber im Kern richtig. Der Kritiker soll nicht das Theater loben oder verdammen, sondern dem Publikum die Augen öffnen, sein Verständnis befördern, ihm Zusammenhänge verdeutlichen. Deswegen kann der Berufskritiker, hat er einmal die Seiten hin zur Dramaturgie oder zur Intendanz gewechselt, auch nicht mehr über die Aufführungen seines Theaters schreiben. Aber natürlich bedeutet der Perspektivwechsel einen ungemeinen Zugewinn an Erfahrung und Urteilsvermögen. Wer – wie Sie – die Rollen des wissenschaftlichen Chronisten, des Fachkritikers, des Chefdramaturgen und des Generalintendanten ausgefüllt und verarbeitet hat, der erliegt nicht mehr so leicht der Versuchung zu vorschnellen oder eindimensionalen Entscheidungen, der ist eben auch der Rolle des Patriarchen gewachsen.

Ein Letztes: Sie waren, Herr Dannenberg, auch viele Jahre stellvertretender Vorsitzender des Landeskulturverbands und haben in dieser Zeit, aber natürlich auch schon als Kandidat 1984/85, während Ihrer Intendanz und danach – und bis heute – Ihre Erfahrungen mit der Politik gemacht, zumal mit der Kulturpolitik in Kiel und in Schleswig-Holstein. In Ihrem Beitrag zum Jubiläumsbuch des Kieler Theaters übergehen Sie dieses Kapitel vornehm, aber Brigitte Schubert-Riese zitiert Sie am Ende ihres Berichts über ihre Intendanz mit den Worten, Ihre Arbeit sei von außen belastet worden, durch „kulturpolitische Konfusionen und Possenspiele der jeweiligen politischen Mehrheiten“.

Sie haben – wie ich – das Scheitern eines durchaus hoffnungsvollen Anlaufs erlebt, dem Orchester den A-Status zu erkämpfen. Wir waren Partner im Lenkungsausschuss während der Erarbeitung des WIBERA-Gutachtens zur Situation der Theater im Lande. Sie haben die ständigen Diskussionen um die Finanzierung der Theater oder der Musikschulen und die schleichende Reduzierung des Landesetats für die Kulturförderung ebenso miterlebt wie die wiederkehrenden Debatten um die Stadtgalerie, die Büchereien oder ein Künstlerhaus für Kiel.

Ich hätte Ihnen gewünscht, dass die heutige Ehrung nicht in eine Zeit gefallen wäre, in der – wie Sie es im Interview mit Christoph Munk vor Jahren mal  formuliert haben – „doch alles noch viel fürchterlicher“ ist. Wieder stehen die schleswig-holsteinischen Theater vor dem Problem, wie die Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst ohne vollen Ausgleich durch die Träger verkraftet werden sollen und die Landestheater-GmbH befindet sich in der schwersten Krise ihrer an Krisen ohnehin nicht armen Geschichte. Wieder sind kulturelle Institutionen in ihrer Existenz gefährdet und die Zuschüsse für freie Träger sind immer weiter gekürzt worden. Das alles saniert die maroden öffentlichen Haushalte nicht, es richtet aber einen immensen Flurschaden an und bedeutet eine Einbuße an Lebensqualität, an Möglichkeiten der Persönlichkeitsbildung und der kulturellen Teilhabe. Allerdings sollten wir nicht allein mit dem Finger auf die verantwortlichen Politiker im Staat und in den Kommunen zeigen.

Der berechtigte Ruf nach einer Kulturpolitik in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung hat nach wie vor ein viel zu geringes Echo. Dass der Kulturstaat und seine Einrichtungen uns allen zugutekommen, muss – weit stärker und deutlicher als bisher – seinen Ausdruck auch darin finden, dass er von allen gesellschaftlichen Kräften getragen wird, von jedem nach seinem Leistungsvermögen. Es bedarf dringend neuer Formen der Kooperation und der Arbeitsteilung zwischen den drei Ebenen der öffentlichen Hand, den Wirtschaftsunternehmen und Kreditinstituten, den öffentlich-rechtlichen und privaten Stiftungen, gemeinnützigen Vereinen und Bürgerinitiativen und dem ehrenamtlichen bürgerschaftlichen Engagement. Bund, Länder und Gemeinden sind tatsächlich überfordert mit der Aufgabe, die unentbehrlichen Institutionen von Bildung und Kultur weitgehend aus eigener (Steuer-)Kraft zu erhalten.

Ich teile Ihre Skepsis, lieber Herr Dannenberg: was weg ist, kommt nicht wieder. Also lassen Sie uns, mit allen möglichen Mitteln und auf allen möglichen Wegen, mithelfen, dass zumindest das, worauf es ankommt, gar nicht erst wegkommt. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland ist – entgegen dem Trend – auch in den Jahren nach der großen Krise gestiegen, die Steuereinnahmen haben sich zum Teil kräftig erhöht. Dennoch: Staat und Kommunen sind weiterhin hoch verschuldet, sie müssen ihre Haushalte sanieren, bevor an neue Expansion zu denken ist. Aber wo bleiben die exorbitanten Gewinne der Wirtschaft, warum wird nicht wenigstens ein Teil investiert, um gefährdete Bildungs- und Kultureinrichtungen zu stützen und zu erhalten? – weil es eben an diesem gesamtgesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein fehlt.

Für die Theater sind die Volksbühnenvereine heute mindestens so wichtig wie zur Zeit ihrer Gründung. Sie können und müssen dazu beitragen, dass ein solches Bewusstsein wächst. Und dazu hat die Kieler Volksbühne jetzt ein neues Ehrenmitglied, von dessen positiven – und auch leidvollen – Erfahrungen sie profitieren kann.

 

 

Eine Würdigung von Manfred Gaspar

Siegfried Kristen

Hier bei Würdigung Siegfried Kristen. Foto: Daniela Vagt

Mir ist die Ehre widerfahren, hier als Laudator stehen zu dürfen, um Lobpreis auszubringen für einen Mann, der auf ganz besondere Weise das kulturelle Leben der Landeshauptstadt Kiel mitgeprägt hat. Dies nicht – das sei vorab erwähnt – in erster Reihe, nicht nur im Rampenlicht und nicht immer spektakulär. Aber immer präsent, verlässlich, streitbar und im besten Sinne politisch. Und damit sind bereits sehr frühe emotionale Bindungen zwischen ihm und der ebenfalls politisch intendierten Volksbühnenbewegung geknüpft, deren Kieler Institution – begründet 1894 – zu den ersten in Deutschland zählt. Erstes Ehrenmitglied der Kieler Volksbühne war, wie bereits erwähnt, übrigens Hans Söhnker. Insgesamt sind es bis heute ganze acht Ehrenmitglieder. Doch zurück zur Politik.

Politik ist definitionsgemäß – und ich bitte sie jetzt, angesichts realpolitischer Erfahrungen nicht zu erschrecken – immer zielgerichtetes Handeln. Und – da sind wir dann jetzt auch direkt beim Laureaten, Kammerschauspieler Siegfried Kristen - Politik bedeutet im Sinne Max Webers immer, mit ganz dünnen Bohrern ganz langsam dicke Bretter zu durchbohren. Und Resultat einer Kieler Bohrung, an der Siegfried Kristen wesentlich beteiligt war, ist das Mitwirkungsmodell des Kieler Theaters, das lange einzigartig und vielen Theaterleitern nicht nur ein Dorn im Auge,  sondern die Anmutung einer Vorhölle war. Doch Tempi passati!

Geboren wurde Siegfried Kristen 1928 in der niederschlesischen Provinzstadt Glatz. Seine Biografie bis zum Kriegsende ist so abenteuerlich, dass jeder Versuch, sie kurz zu schildern, zum Scheitern verurteilt wäre. Das Abitur legte er 1949 in Heidenheim ab. Anschließend besuchte der 21 jährige eine Sprachenschule, um Englisch zu lernen, bekam einen Job bei der US-Army und besuchte Volkshochschulkurse, in denen moderne amerikanische Literatur mit verteilten Rollen gelesen wurde. Dabei fiel – in Baden-Württemberg relativ einfach- seine bereits damals makellose Aussprache auf.

Und, schwuppdiwupp, wurde ein Kontakt zum drei Jahre zuvor gegründeten Heidelberger Zimmertheater geknüpft, das ihm Auftrittsmöglichkeiten bot. Da ihm die Tätigkeit bei der US-Army sowieso eine gewisse Summe Geldes einbrachte, und die Schauspielerei ihm Freude bereitete, war dem hoffnungsfrohen Mimen zunächst nicht klar, dass es auch die Möglichkeit einer Gagenforderung gab. Eine Einstellung übrigens, die gepaart mit Talent auch heutige Theaterleiter noch zum Jubeln bringen würde. Erst ein Freund ermutigte ihn, den Direktor des Zimmertheaters zu fragen, ob er nicht auch einmal etwas bezahlt bekommen könne. Nach erfolgreicher Reanimation des Direktors, gewährte ihm dieser dann eine Abendgage von 2,50 DM.

In unzähligen Rollen stand Siegfried Kristen auf der kleinen Bühne des Zimmertheaters und war zugleich als „Mann für alles“ hinter den Kulissen zuständig. Heirat, Geburt des ersten Sohnes, Eintritt in die GdBA (Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger), Rundfunkaufnahmen und Tourneegastspiele – all das fiel in die Heidelberger Zeit, bis das Gefühl entstand, hier in eine künstlerische Sackgasse geraten zu sein: „Die ersten Stuhlreihen hier sind die Grenzen, weiter geht es nicht mehr für mich!“ So lautete Kristens damaliges Resumé.

Und in diese Zeit fiel dann ein Angebot aus Kiel. Nach erfolgreichem Vorsprechen in seinen Paraderollen des Just aus Minna von Barnhelm und des Rupprecht aus dem Zerbrochenen Krug wurde Siegfried Kristen von Hans Georg Rudolph für die Spielzeit 1962/63 in die Landeshauptstadt engagiert. In beengten Wohnverhältnissen lebend, vom Publikum und den etablierten Ensemblekollegen nicht gerade mit offenen Armen empfangen, war der Anfang nicht leicht. Als schicksalhaft erwies sich dann der Intendantenwechsel von Rudolph, der ihn gerade nach Kiel engagiert hatte, zu Hans Joachim Klaiber, der später übrigens auch Ehrenmitglied der Kieler Volksbühne wurde.

Klaiber bot Kristen eine Vertragsverlängerung und nach noch feuchter Unterschrift bot Rudolph Kristen einen Vertrag für Karlsruhe, wohin er als Intendant ging. Doch Klaiber ließ Kristen nicht aus dem Vertrag – und aus Kieler Sicht war das auch gut so.

Als Darsteller ist Siegfried Kristen eher ein Minimalist. Große Gesten sind ihm fremd, auch wenn er sie beherrscht, sofern sie gefordert sind. Lieber Siegfried. Du bist ein Chargenspieler im besten Sinne, auch wenn, Zeitströmungen folgend, Deine Rollenbezeichnung in: „Charakterschauspieler und Rollen nach Individualität“ umbenannt wurde. Was sich durchaus gut anhört, ist doch auch die Verkennung der Bedeutung eines Chargenspielers!

Wie „leicht“, natürlich in Anführungszeichen, ist es, eine große Rolle über drei oder fünf Akte zu entwickeln. Wie schwer ist das aber – jetzt natürlich ohne Anführungsstriche – in einem kurzen Auftritt, der oft für den Spielverlauf entscheidend ist und eine blitzartige Charakterisierung einer Figur erfordert. Und genau diese Kunst beherrschst Du meisterhaft! Schließlich ist sie es auch nicht zuletzt, die zur Verleihung der Ehrenbezeichnung Kammerschauspieler geführt hat.

Daneben bist Du zudem, wie bereits erwähnt, Interessensvertreter der Kolleginnen und Kollegen gewesen, Genossenschaftsvertreter, langjähriges Mitglied der Paritätischen Prüfungskommission – und seit Anbeginn der Kieler Schauspielschule bis heute– genau wie auch ich – Mitglied der externen Prüfungskommission.

Deine bis heute letzte Rolle auf der Bühne war der Liebe Gott in Molnars Liliom. Und das scheint mir ein gutes Zeichen, obwohl Dich ein schwerer Schlaganfall im Dezember 2010 bis heute an den Rollstuhl gefesselt hat. Mit Deiner ungebrochenen Energie und Disziplin – und mit der Hilfe dreier Frauen – der Deiner Ehefrau Ute, Renatas Hilfe und der Deiner Kollegin Claudia Macht, hast Du zur Sprache zurückgefunden und dies bereits erfolgreich mit Lesungen, zumal für die Volksbühne, unter Beweis gestellt. Unabdingbares Mitglied des Kieler Ensembles zu sein, ist Dein Schicksal – und damit gehörst Du auch unabdingbar zur Volksbühne Kiel. „Leider lässt sich wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken.“ sagte dereinst Johann Wolfgang von Goethe. Die Volksbühne Kiel sagt heute: Kammerschauspieler Siegfried Kristen ist unser Ehrenmitglied.